Montag, 22. September 2014

Der 22. September

Außerdem ist es, wenn ich die alte Geschichte erwähnen darf, der Jahrestag meiner Ankunft mit dem Fass in Esgaroth am Langen See; obwohl ich die Tatsache, dass es mein Geburtstag war, damals vergessen hatte. Ich wurde nämlich erst einundfünfzig, und in diesem Alter sind Geburtstage noch nicht so wichtig. Das Bankett allerdings war großartig, obwohl ich zu der Zeit eine böse Erkältung hatte, wie ich mich erinnere, und nur "vülen Donk" sagen konnte.


Auf Bilbo & Frodo - mögen sie ewig leben!

Donnerstag, 4. September 2014

Gelobt sei die IT-Schamanin

Ab und zu muss soll will man ja sein Smartphone updaten. Solches begann ich gestern. Das Smartphone rödelte auch hübsch vor sich hin, "update prüfen", "update durchführen", soweit alles klar. Plötzlich tat das Smartphone aber gar nix mehr. Weder mit Wisch noch mit Weg ließ es sich irgendeine Äußerung entlocken. Also abgestürzt.
 
Der Apfel-erfahrene Nutzer weiß Bescheid und macht das Ding erstmal aus, zählt genau wie beim Scharfmachen einer Handgranate langsam einundzwanzig ... zweiundzwanzig ... dreiundzwanzig und schaltet das Handy wieder ein.
 
Es erscheint das Display mit der Nachricht "Sim-Karte gesperrt. Zum Entsperren streichen." So weit, so normal. Ins angezeigte Ziffernfeld gibt man die Sim-PIN ein und es passiert: nichts. Kein "Code akzeptiert" oder "Code falsch", sondern einfach nur vier wieder leere Eingabefelder. Hm.
 
In der Annahme, dass ich aufgrund fortschreitenden Alters die Sim-PIN nicht mehr richtig erinnerte, legte ich den Apfel beiseite und ging bis zum Feierabend einer Tätigkeit im Sinne meines Anstellungsvertrages nach. Zu Hause wurde aus dem Aktenordner die Mitteilung des Providers über die Sim-PIN hervorgewühlt, und siehe da: ich hatte die richtige Nummer im Kopf, aber das Handy wollte sie nicht fressen. Nach zwei, drei weiteren Versuchen kam lediglich die Nachricht, das Handy sei nun deaktiviert. Es war also offenbar die falsche Nummer, aber ich war mir ganz sicher, diese PIN niemals geändert zu haben.
 
Der telefonisch kontaktierte IT-Schamane aus dem Freundeskreis konnte keine Ferndiagnose stellen; allerdings ist er auch kein Apfel-Schamane, sondern huldigt anders programmierten Kulten. Den Rest des Abends verbrachte ich grummelig ohne das geliebte Twittergerät.
 
Zum Glück arbeite ich in einer Stadt mit Apple-Store, und so nutzte ich die heutige Mittagspause zu einem Besuch dortselbst. Der zuerst angesprochene blaugewandete Apfelschamane ließ sich das Problem schildern und sprach dann nur noch mantraartig "Aber Sie MÜSSEN die PIN irgendwann geändert haben!" (*zähneknirsch*) und meinte, da müsste wohl ein Techniker ... aber einen Termin gäbe es frühestens nächste Woche ...  Ich muss wohl sehr mitleiderregend geguckt haben, denn plötzlich meinte er, ich könne "mal kurz" noch eine Kollegin von ihm fragen; und rief die Dame an. Die ebenfalls blaugewandete Oberapfelschamanin hörte sich das Problem an, guckte aufs Display und meinte dann nur, ich sollte doch zuerst mal den Geräte-Zugangscode eingeben, nach der Sim-PIN würde doch erst danach gefragt.
 
Bingo.
 
So einfach, dass vorher keiner dran gedacht hat. So einfach, dass es schon peinlich ist. Nach dem Update sah die Eingabemaske so anders aus als sonst, und oben links stand was von "Sim-PIN", dass ich überhaupt nicht mehr an den Zugangscode gedacht hatte. Die Apfelschamanin scheint es jeden Tag mit solchen Smartphone-Legasthenikern zu tun zu haben, dass sie sofort diesen einen Schritt weiter zurück dachte und trotzdem in keiner Weise überheblich wirkte. Uff. Und danke.
 
Also: Twitter, sei gewarnt, ich bin zurück!
 
 
N.B. Auf dem Rückweg aus der Apfelkathedrale kam ich übrigens an der größten städtischen Buchhandlung nicht vorbei; da mussten als Frustabbau- und Peinlichkeitskompensationsmaßnahme noch dringend zwei Bücher erworben werden.

Freitag, 27. Juni 2014

Kernsaaf un' Amerika

Zum Geburtstag schenkte mir der Gatte Karten für einen Ortsrundgang unter Führung des hiesigen Heimat- und Geschichtsvereins. Der Titel "Kernseife und Amerika" klang ja schon Neugier erregend. Was soll man sich darunter vorstellen?
 
 
Das Ganze entpuppte sich als Zeitreise mit Stationen in verschiedenen Jahren zwischen 1800 und 1914. Wahre Begebenheiten aus der Ortsgeschichte wurden - von Laiendarstellern - im Kostüm und mit echten Requisiten aus dem Heimatmuseumsfundus nachgespielt, das ganze natürlich im örtlichen Dialekt. Nach zwanzig Jahren in Hessen komme ich da recht gut mit; nur bei den "historischen" Schimpfworten, die heute keiner mehr verwendet, setzt es aus. (Schade, die würde man ja sogar gelegentlich mal anwenden wollen ...).
 
Da trafen sich die Wäscherinnen mit dem Leiterwägelchen mit Waschbrett, Eimern und Kernseife am Brunnen und ratschten über den neuesten Klatsch und die geplante Eisenbahnlinie (die dann doch nicht gebaut wurde); die Auswanderer nach Amerika traten ihre Reise an. Das war seinerzeit eine Zäsur im Ort: 151 Personen gingen mit einem Schlag weg.
 

An der Hochwassermarke von 1883 wurde ausgiebig besagtes Hochwasser bejammert, als von Januar 1883 bis weit in den Frühling hinein viele Häuser fast 2 m hoch im Wasser (bzw. sogar im Eis, als es kalt wurde!) standen. Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen - viele Leute sind seinerzeit verhungert, weil natürlich auch alle Wintervorräte, die eingekellerten Kartoffeln und Rüben und das Getreide vom Hochwasser vernichtet waren. Ein Teil des Viehs war ertrunken, der Rest in höher gelegenen Ortsteilen provisorisch untergebracht. Die Kirche war damals Stall für 140 Kühe. 
 
Der Anflug von Melancholie verschwand, als an der nächsten Station, einer alten Hofreite, über die hohe Steuerlast räsoniert wurde und "das Volk" darüber diskutierte, es den Franzosen in Sachen Revolution gleichzutun. Der Erläuterung des Steuersystems um 1800 lauschten alle aufmerksam, bis die Hofkatze auftauchte, wohlwollend ihr Publikum zur Kenntnis nahm, hier und da sich huldvoll streicheln ließ, um sich dann auf den sonnengewärmten Platten auszubreiten.
 
 
An der letzten Station, am alten Rathaus, kam der Amtsdiener mit der Glocke, um die amtlichen Neuigkeiten bekanntzugeben. Die Gerichtsverhandlung anläßlich der Schlägerei auf der letzten Kirmes wurde angekündigt und vom versammelten "Volk" gewohnt bissig kommentiert.
 

Zum Ausklang gab es "Weck, Worscht un Bier" und ausgiebige Schwätzchen im Hof des Heimatmuseums. Drei Stunden waren vorbei wie nix, als wir wieder zu Hause waren. Ein schönes Geburtstagsgeschenk, danke!
 

Donnerstag, 12. Juni 2014

An der schönen blauen Donau

Dieses Internet ist, man glaubt es kaum, voll von Menschen. Und viele davon sind - entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass das Internet böse sei - nette, normale, bestenfalls auf eine nett-normale Art bekloppte Leute. Da gibt es zum Beispiel jene, die für ihre Katzen (oder Hunde, Kaninchen, Plüscherdferkel ...) eigene Twitteraccounts einrichten, auf denen sie ihre Viecher dann miteinander kommunizieren lassen. Das kann unglaublich lustig sein; und weil Menschen nun mal so sind, wie sie sind, wollen sie irgendwann den Menschen hinter der Katze kennenlernen und verabreden Treffen im wahren Leben.
 
Das Ganze taufte man "Twitterkatzendositreffen" (TKDT) und nannte es eine Fortbildungsveranstaltung, vermutlich, um all den Katzen die mehrtägige Abwesenheit ihrer Dosenöffner zu erklären und von den Samtpfoten eine Reiseerlaubnis zu erhalten. Das diesjährige TKDT fand über Pfingsten in Wien statt und Herr Dinktoc und ich waren erstmals als gehorsame Sektretäre des @kater_leopold dabei.
 


 
 
 
Wien begrüßte uns mit Sonne satt. Das und die Fortbildungsmaßnahmen, wie beispielsweise Besuche im Tierpark, im Prater, in der Hofburg waren doch sehr anspruchsvoll und erschöpfend und so mussten ausreichend Pausen zur Regeneration eingelegt werden, was in diversen Kaffehäusern bei hausgemachter Limonade oder auch beim Heurigen in Ottakring vorzüglich gelang. Es wurde nur immer furchtbar spät dabei. Aber als leidgeprüfter Dosenöffner ist man es ja gewohnt, klaglos Opfer zu bringen.
 
Ein sehr wichtiger Tagesordnungpunkt war zweifellos der Besuch im Katzencafé (Café Neko), wo wir bei frisch gepresstem Orangensaft ein Spezialseminar zur Verbesserung unserer Pelzkraultechnik belegten. Katze Momo übernahm schnurrend und schoßliegend die Einweisung in die Praxis.
 
 
Das Schöne an diesen Internet-Treffen ist ja, dass man von vornherein wenigstens ein Gesprächsthema hat und sich nicht erst gegenseitig  mit manchmal etwas gequältem Smalltalk 'abtasten' muss. Sehr schnell führt der Weg zu allen möglichen anderen Themen und ruck-zuck hat man was über bis dato ungeahnte Sachverhalte gelernt.

Zum Beispiel weiß ich jetzt, wie man eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn in der Wüste so baut, dass das Dehnen und Zusammenziehen der Gleise aufgrund der großen Temperaturschwankungen ausgeglichen werden kann; was es mit dem österreichischen Adelsaufhebungsgesetz von 1919 auf sich hat; und dass man - wie ein berühmtes Erdferkel es in Theorie und Praxis feststellte - (Zitat) "von grünem Veltliner auch blau werden kann".
In diesem Sinne: es waren wunderbare Tage in Wien (danke schön noch mal den Organisatoren: ihr habt euch eine Menge Mühe gemacht!), wir hatten viel Spaß mit netten Leuten und freuen uns jetzt schon auf das TKDT2015.

Mittwoch, 30. April 2014

Hex Hex

1. Akt

März. Am späten Abend. Drei Frauen sitzend an einem Tisch mit Büchern, jede mit einem Kalender in der Hand.
 
Frau O.: Wie wäre es mit dem 30. April fürs nächste Kränzchen?
Frau K.: Vor dem Feiertag, schön, da kann ich auch.
Frau D.: Walpurgisnacht?! Kein Problem, ich kann auch. [lachend] An dem Abend sollten wir über Hexen in der Literatur sprechen.
Frau O., inspiriert durch die Lichter der an- und abfliegenden Flugzeuge am nahen Frankfurter Flughafen: Soll ich für Eure Besen eine Landebahnbefeuerung im Balkonblumenkasten einrichten?
Frau K. / Frau D.: Natürlich!
 
 
 
2. Akt
 
Am 30. April. Frühmorgendlicher E-mail-Austausch.
 
Frau O.: Liebe Literatanten, heute abend um 19 Uhr bei mir. Ich freue mich!
Frau D.: Ich  mich auch. Hast du denn den Besenlandeplatz schon vorschriftsmäßig beleuchtet?
Frau K.: Und nicht nur ein Kerzchen, Leuchtfeuer wird erwartet!
Frau O.: Selbstverständlich ist für Beleuchtung und auch Frauenparkplätze im Besenparkbereich gesorgt! Ich hab auch an Bier gedacht.
Frau K.: Na, Frau D., da schauen wir mal. Beim letzten Mal mussten unsere Besen auch am Straßenrand an eine Laterne gebunden werden. Meiner ist jetzt noch traumatisiert.
 
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Man darf auf die Ereignisse des heutigen Abends gespannt sein. Kein Wunder, dass ich dieses Literaturkränzchen so sehr mag.
 

 

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Wie Gott im Elsaß

Man muss nur einen kennen, der einen kennt, der weiß, wo man - für wenig Geld - hervorragend essen kann, mitsamt Übernachtung und Frühstück am nächsten Morgen.

So kamen wir zu einem Wochenende in Frankreich. Familie K. vom Stammtisch kennt einen, der regelmäßig ein Restaurant in Woerth im Elsaß besucht, fuhr angeregt von dessen Schwärmerei selber hin und kam genauso schwärmend wieder zurück. Als der Stammtisch vor ein paar Wochen mal wieder zusammensaß, schwärmten sie so laut und ausdauernd, dass acht Leute, Familie K. inklusive, spontan beschlossen, sich an einem der Adventswochenenden gemeinsam der Völlerei hinzugeben. Gesagt - gebucht. Letzten Samstag ging's los.

Das Hotel-Restaurant "La Chaumiere" in Woerth wirkt von außen unscheinbar, fast ein bisschen schäbig. Die Gästezimmer sind wunderbar altmodisch, schätzungsweise etwa 1965 zuletzt renoviert. Sie verfügen immerhin über eine Waschgelegenheit mit fließend kalt und warm Wasser (in getrennten Hähnen). Familie Dinktocs Raum hatte eine blaugrüne Blümchentapete, einen riesigen Kleiderschrank, in dem man mühelos nicht nur einen, sondern etwa 3-4 Liebhaber hätte verstecken können (ich erwähne das natürlich nur theoretisch, um die Dimension des Schranks zu verdeutlichen!) und ein Bett mit einer dieser gesteppten, mit Rüschen versehenen Nylon-Tagesdecken in Creméweiß samt passenden Zierkissen. Toilette und Dusche befinden sich auf dem Flur und sind nicht geheizt. Man kommt erst gar nicht auf die Idee, eine Zeitung mit aufs Klo zu nehmen oder gar ein Smartphone. Überhaupt, für einen Internetmenschen ist das Hotel quasi nicht existent. Keine Website, und von W-Lan hat man offenbar noch niemals gehört.

Der Restaurantraum ist riesig groß und eingerichtet wie ein großbürgerliches Wohnzimmer der 1960er Jahre, mit Teppichen, Vorhängen und hochlehnigen Stühlen mit bestickten Polstern. Die Tische sind mit Leinentischdecken, Stoffservietten sowie einem Sammelsurium von Gläsern und Bestecken liebevoll gedeckt und irgendwie wirkt das Ganze sehr stimmig, obwohl diverse Jahrzehnte verschiedener Dekorationsmoden zusammenkommen.     

Herz und Hirn des Ganzen ist Madame Waechter, eine Dame, auf die diese Bezeichnung wirklich passt. Sie muss annähernd 80 Jahre alt sein, hat aber den Laden voll im Griff, kennt ihre Weinkarte in- und auswendig und weiß ihre Gäste sehr gut einzuschätzen. Ihre Empfehlungen waren durchweg hervorragend.  



Pünktlich um 19 Uhr begann das Gelage. Als erstes machten wir eine Flasche Crémant auf, eiskalt und staubtrocken. Der hat sogar mir geschmeckt, die sonst ihren Jahresbedarf an alkoholischem Blubberwasser mit dem einen obligatorischem Schluck Sekt in der Silvesternacht deckt. Und dann ging's auch schon los mit dem Gruß aus der Küche: warmes, knuspriges Brot mit leicht gedünsteten Apfelstückchen und einer Scheibe Blutwurst. Gerade als der solcherart appetitangeregte Magen zu knurren beginnen wollte, kam der erste Gang:  


Hausgemachte Leberpastete mit Quitten-Mandel-Mousse, dazu Gewürztraminer. Das anschließende Gemüsesüppchen wurde von einem weißen Cote du Rhone begleitet. Dem folgte der Fischgang - Ravioli mit Kabeljau- und Lachsfüllung in einer Dillsoße, die so gut war, dass wir extra Brot bestellten, um sie bis zum letzten Tropfen auftunken zu können. Fisch muss schwimmen, und so musste eine Flasche Elsässer Riesling dran glauben. Nach dem Fisch stellte sich ein erstes leises Sättigungsgefühl ein. Dem begegnete der vierte Gang: ungefähr drei Teelöffel voll Zitronensorbet mit Rum und Minze, schön kühl und irgendwie Platz schaffend für die nächste Runde.

Voilá! Kalbsrücken mit Pilzen, lecker Sößchen und Herbstgemüsen. Dazu natürlich einen Rotwein, wieder ein Cote du Rhone. Damit waren wir nun eigentlich wirklich völlig gesättigt, aber ein Gang musste noch rein: le dessert. Ein Gedicht aus Blätterteig mit hauchdünnen Apfelscheiben, Vanilleeis und Karamelsauce.
Zum Magenaufräumen gab es Espresso und Mirabellenbrand und dann fielen wir auch schon erschöpft in die Betten, nachdem wir vier Stunden getafelt hatten.



Fazit: Fahret zahlreich hin und sorgt dafür, dass es das Angebot noch lange gibt. 60 EUR pro Nase für dieses gigantisch gute 6-Gänge-Menü, Übernachtung und üppiges Frühstück. Getränke gehen extra und beliefen sich bei uns auf 21 EUR / Person, und das für die Vernichtung von 1 Flasche Sekt, vier Flaschen Wein, 6 Flaschen Wasser, diversen Schnäpsen und Espressi.

Mittwoch, 20. November 2013

Jahresendzeitstimmung

Ein Bekannter erzählt, seine Firma richte keine Weihnachtsfeier mehr aus, sondern eine "Jahresendfeier". Die Umbenennung soll angeblich der Integration nicht-christlicher Menschen dienen. 

Diese Art vorgeblicher politischer Korrektheit finde ich, mit Verlaub: Kacke! 

Bei uns in der Firma arbeiten Leute aus fast 30 Nationen, und ich habe noch keinen chinesischen oder algerischen Kollegen sich beschweren hören, dass hier, im Büro in Deutschland, nach wie vor eine Weihnachtsfeier stattfindet. Die Büros in Jeddah, Moskau und Neu-Delhi arbeiten während der westeuropäischen Weihnachtszeit, und deutsche Kollegen vor Ort arbeiten mit. Dafür haben sie am orthodoxen Weihnachtsfest, am Opferfest, an Divali frei.

Ins Ausland entsandte Kollegen haben die vor Ort üblichen Arbeitszeiten und Feiertage. Das ist hier seit Jahrzehnten Usus, einfach, weil es am praktischsten ist und weil es eben auch eine Respektsbezeugung ist, im Ausland die dortigen Feste mitzufeiern und sich am lokalen Brauchtum zu beteiligen.

Wenn ich hier kurz vor Weihnachten selbstgebackene Plätzchen und kleine Schokonikoläuse in die Firma mitbringe, freut sich der irakische Kollege darüber genauso wie der französische. Oder soll ich dem türkischen Kollegen keinen Schokoweihnachtsmann anbieten, bloß weil er den eventuell als christliches Symbol verstehen könnte? Und was ist mit dem deutschen Atheisten, der aber trotzdem gerne Schokolade isst?

Warum beschneiden wir uns selber unserer Buntheit? Integration bedeutet doch wohl nicht, alle Farben solange auszuwaschen, bis nur noch ein labberiges Einheitsgrau übrig ist, ein fades, nichtssagendes, bedeutungsloses Etwas, mit dem sich niemand mehr identifizieren kann.

Außerdem stellt sich mit dem Begriff "Jahresendfeier" die politische Korrektheit geradezu selbst ein Bein: Das Jahr geht zu Ende, ja: in der westlichen Welt. Das Jahr 1435 islamischer Zeitrechnung hat vor zwei Wochen angefangen; das Jahr 5774 der jüdischen Zeitrechnung begann dieses Jahr an unserem 4. September. Das chinesische Neujahr findet am 31. Januar 2014 christlicher Zeitrechnung statt, das kurdische Neujahr fällt auf die Tag-und-Nachtgleiche im Frühjahr. Diese Eurozentrik grenzt an Neo-Kolonialismus und ist umso schlimmer, da sie im Mäntelchen der politischen Korrektheit daherkommt.

Um mich wieder zu beruhigen, werde ich jetzt Jahresendplätzchen backen.

Mittwoch, 13. November 2013

Anruf aus Merkwürdistan

Da kommt man Sonntagabend aus dem Urlaub und findet auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht des Tierheims: "... es geht um Ihren Kater Leopold, den Sie vor einiger Zeit [vor fast 3 Jahren!] von uns übernommen haben. Keine Sorge, nichts Schlimmes, bitte mal zurückrufen."

Man macht sich natürlich trotzdem Sorgen und ruft am Montagmorgen im Tierheim an. Es stellt sich heraus, dass sich vor kurzem der Vorbesitzer des Herrn Leopold gemeldet hat, und es wäre ihm ja klar, dass der Kater ein neues Zuhause hat, und er wolle ihn ja gar nicht zurück, aber seine Tochter würde das Tier ja so vermissen und würde Leopold so gerne noch einmal sehen, um sich zu verabschieden. Dieser Mensch hat so lange auf die Tierheimdame eingeredet, bis sie zugesagt hat, bei uns nachzufragen, ob wir damit einverstanden wären.

Sind wir nicht.

Was ist das für eine merkwürdige Anfrage? Nach fast 3 Jahren, in Worten DREI JAHREN, die Leopold schon bei uns ist, fällt dem Menschen ein, mal beim Tierheim nachzufragen? Der Kater wurde seinerzeit in Mainz auf der Straße gefunden und ins Tierheim gebracht, wo er mehrere Wochen (!) saß, bis wir ihn adoptierten (oder eher: er uns, aber das ist eine andere Geschichte). Wenn die Tochter ihren Kater so vermisste - was ich ja nachvollziehen kann - warum hat der Vater damals nicht das Naheliegendste getan und die Tierheime der Umgebung abtelefoniert?

Für die Tochter tut's mir schon ein bisschen leid, aber ich möchte einfach meine Telefonnummer und Adresse nicht an solch seltsame Menschen geben. Meine Befürchtung (und auch die der Tierheimdame, das war zwischen den Zeilen zu hören) ist, dass wir dann zukünftig jede Woche mit einem Anruf rechnen müssten, ob es dem Leopold denn wirklich gut geht und ob man ihn nicht mal wieder besuchen darf und ob und ob und was weiß ich. Will ich nicht.

Wie seht ihr das?

Samstag, 26. Oktober 2013

Der Mörder ist immer der Gärtner

Oder auch nicht.
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Jedenfalls nicht am letzten Wochenende, als sich das Literaturkränzchen aufmachte, in der gefährlichen, wilden Eifel auf Mörderjagd zu gehen. Vor einiger Zeit hatte Frau O. einen runden Geburtstag zu feiern und bekam als Gemeinschaftsgeschenk diese Mörderjagd anverehrt, im Rahmen eines Wochenendes im Krimihotel in Hillesheim, mit gutem Essen und die geistige Leistung unterstützenden Getränken.
 

 
So eine mörderische Aufgabe kann man nicht alleine angehen, und daher "opferten" die beiden anderen Damen des Literaturkränzchens vollkommen uneigennützig ein Wochenende und fuhren mit Frau O. nach Hillesheim. Bereits die Anreise trainierte ein wenig den detektivischen Spürsinn, denn wegen diverser gesperrter Autobahnabfahrten musste ungeplant quer durchs Eifelland "über die Dörfer" gesteuert werden. Das klappte problemlos: ein gutes Omen also für den nächsten, kriminalistisch anspruchsvollen Tag.
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Die Zimmer im Hotel sind höchst individuell eingerichtet, jeweils nach einem Krimithema. Der Raum, den ich mit Frau K. teilte, hieß "Der Tod auf dem Nil" und verfügte folgerichtig über ein Riesenbild mit einem grübelnden Hercule Poirot vor den Pyramiden und einen echt kolonial-britischen Tropenhelm an einer Garderobe aus Rattan. Nur der bedruckte Duschvorhang erinnerte weniger an Agatha Christie als an Alfred Hitchcock ...
 
 
Frau O. wohnte im "Schwedenkrimi"-Zimmer mit Plüschelch-Jagdtrophäe überm Bett, Filmplakaten mit dem Bild von Stieg Larssons Lisbeth Salander an der Wand und einem Fensterrollo, das eine nordische Landschaft hinter Gitterstäben zeigte. Eine schwedische Gardine also.
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Auf einem kleinen Rundgang durchs Städtchen entdeckten wir eine imposante Burgruine, nette kleine Läden und zahlreiche Hinweise auf den Status Hillesheims als "deutsche Krimihauptstadt". Im Kriminalhaus beispielsweise könnte man ganze Tage verbringen - gemütliches Café und Bibliothek unter einem Dach. Bis man sich durch die ca. 27.000 Bücher gelesen hat, muss man eine Menge Kaffee konsumiert haben.



Das Zentrum des Verbrechens war Hillesheim in der Tat am Samstag ab 10 Uhr. Pünktlich wurde der Mord begangen (der, wie sich herausstellte, nur die Folge eines anderen Mordes war), und die Ermittlungen kamen in Gang. Den ganzen Tag waren diverse Grüppchen von Leuten damit beschäftigt, Zeugen, Verdächtige und verdächtige Zeugen zu befragen, Akten zu lesen und Tatortfundstücke zu begutachten. Aus alldem wurden Theorien entwickelt, heftig diskutiert, wieder verworfen und neu entwickelt. Frau O., Frau K. und ich hatten gegen Mittag eine Arbeitshypothese aufgestellt, wie die beiden Morde zusammenhingen und wer sie begangen hatte. Nach der Mittagspause nahmen wir nochmalige Zeugenbefragungen vor zwecks Verifizierung bzw. Widerlegung unserer Hypothese. Wir waren uns schon ziemlich sicher, wer es war, aber das entscheidende, stützende Indiz entdeckte Frau O.: einen Ring, den Opfer Nr. 1 auf einem Bild an seiner Halskette trug und der jetzt am Finger unseres Lieblingsverdächtigen steckte. Der war tatsächlich der Mörder, und wir ernannten Frau O. zu unserer Kriminalhaupt- und Höchstkommissarin. Das musste natürlich angemessen gefeiert werden: abends stießen wir mit Rotwein (Frau K.), Weizen (Frau O.) und Kölsch (ich) an. Aber nicht zu heftig, schließlich wollten wir unsere fünf Sinne beieinanderhalten, damit das alte Filmplakat im Hotelflur nicht noch Wirklichkeit würde:

 
Fazit: ein sehr gelungenes Wochenende mit Denksportaufgabe, sehr gutem Essen, megageilem Wetter (Glück gehabt!) und jeder Menge Spaß. Hillesheim, wir kommen wieder!


 

Freitag, 9. August 2013

Erstbesteigung

Heute morgen um Sieben, ich war gerade aufgestanden, hörte ich Madame La Katz maunzen, im Takt wie ein Metronom. Das macht sie manchmal, wenn sie sich selbst Mut zusprechen will. Und tatsächlich, plötzlich tauchte sie am oberen Ende der Treppe auf. Genau zwei Monate hat Ihro Zickenhoheit das niedliche, ängstliche Kätzchen gebraucht, um sich über den neuen Treppenbelag nach oben zu trauen. In Flur, Ankleide und Bad wurde sodann alles besehen, beschnuppert und misstrauisch geprüft, ob wir eventuell - was Katzfuzius verhüten möge - ein Möbelstück verrückt oder sogar - um Bastets Willen - Katze Monas Schlafkissen anzufassen gewagt hätten.
Mit Spannung harrte ich dem Urteil Ihrer Hoheit und war sehr erleichtert, als die Prinzessin alles in Ordnung fand.
"Du darfst mich jetzt streicheln. Aber nur kurz, ich will nämlich mein Frühstück haben!"