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Freitag, 28. Juli 2017

Über Höflichkeit

Der Leiter unserer hiesigen Niederlassung, ein Brite, der seit fast 20 Jahren in Asien lebt, war gerade zwei Wochen auf Heimaturlaub, kam zurück und sagte als erstes, die Leute in England seien so mürrisch, er sei froh, wieder hier zu sein.
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Das fällt in Singapur sehr schnell auf: die Freundlichkeit und Höflichkeit der Leute. Bei aller Geschäftigkeit, und in Singapur wird wirklich nicht wenig gearbeitet, nimmt man sich die Zeit, der Kundschaft mit mehr als professioneller Höflichkeit zu begegnen.
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Es ist ein wahres Entschleunigungsprogramm.
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Visitenkarten werden mit beiden Händen überreicht, aus Respekt vor dem Gegenüber. Eine erhaltene Visitenkarte steckt man nicht achtlos ein, sondern legt sie sorgfältig vor sich auf den Tisch.
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Auch Geldscheine, Quittungen, Kinokarten werden mit beiden Händen überreicht, gerne noch zusätzlich mit einer angedeuteten Verbeugung. Ist die Verwendung beider Hände nicht möglich, weil man z.B. noch etwas in der anderen Hand hält, übergibt man den Gegenstand mit der rechten Hand und legt dabei die linke auf den rechten Unterarm, um die Beidhändigkeit anzudeuten. Am Anfang erscheint das umständlich, aber inzwischen bin ich sechs Wochen hier und mache das völlig selbstverständlich.
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Security-Personal erklärt ungefragt und geduldig, warum an der U-Bahn eine Absperrung steht und man heute einen kleinen Umweg laufen muss. Die Putzfrau im Büro strahlt jeden Morgen fröhlich alle an, wenn sie die Papierkörbe einsammelt. Die Kellnerin beim Stamm-Chinesen lächelt schon von weitem und rückt die Hocker am Lieblingstisch zurecht. Es ließe sich beliebig fortsetzen.
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Vorgestern war ich im Stadion, ein Fußballspiel angucken. Ich verließ die Veranstaltung etwas früher, um der großen Menschenmenge zu entgehen.  Am Ausgang standen zwei Sicherheitsleute, ein Mann, eine Frau, und unterhielten sich. In Deutschland hätten sie in ähnlicher Situation wohl nicht weiter auf mich geachtet und ich auch nicht auf sie. Ich war in Gedanken bei meinem Einkaufszettel, wollte auf dem Heimweg noch Brot kaufen und steuerte im gewohnt eiligen Schritt auf die Schleuse am Ausgang zu. Und dann wurde ich runtergebremst - die beiden unterbrachen ihr Gespräch, die Frau sagte: Wir hoffen, die Veranstaltung hat Ihnen gefallen, hoffentlich kommen Sie wieder; der Mann fügte hinzu: Schön, dass Sie da waren, kommen Sie gut nach Hause. Da hält man dann eine Minute inne und erwidert einen Dank für den guten Service.
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Es kostet so wenig - eher im Gegenteil, man bekommt etwas: man geht mit einem Lächeln weiter.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Zurück in die Zukunft. Persönlich.

Neunzehnhundertfünfundachtzig. Ich wurde 18, machte meinen Führerschein und stand ein Jahr vor dem Abitur. Zukunftspläne waren noch ziemlich unausgegoren. Soweit ich mich erinnere, hatte ich mich zwar schon entschieden, zu studieren - aber noch nicht, welches Fach. Ich erwog kurzzeitig Kunstgeschichte, meine Eltern versuchten, mir Jura schmackhaft zu machen.

Ich hatte einen festen Freund (jaha, so nannte man das damals!) und ein Leben zwischen Schule und Unternehmungen mit der Clique. An die Zukunft verschwendeten wir wenig Gedanken - das Leben fand in diesem Moment statt und würde so weitergehen. Irgendwann würden wir irgendwo arbeiten, heiraten, Kinder bekommen und dann wären wir alt. Dreißig oder so.

Natürlich ging ich ins Kino, als "Back to the future" lief; und wieder, als der zweite Teil in die Kinos kam. Ich erinnere mich, damals gedacht zu haben "2015. Wahnsinn. Dann bin ich 48!" Konkrete Vorstellungen, wie mein Leben dann wäre, hatte ich nicht. Das war so weit weg, jenseits der Vierzig, das waren alte Leute.   

Nun. Ich habe studiert, aber weder Kunstgeschichte noch Jura.

Ich arbeite, fernab der alten Heimat und mit Aufgaben, die mit meinem Studium fast nichts mehr zu tun haben.

Ich heiratete, aber nicht den Mann, von dem ich mit 18 Jahren glaubte, ihn irgendwann heiraten zu wollen.

Kinder bekam ich nicht.

Denken wir weitere 30 Jahre voraus. Dann bin ich 78. Habe ich eine Vorstellung davon, wie ich dann leben werde? Nein. Wenigstens Pläne, wie es sein sollte? Auch nicht so richtig. Darüber denke ich zur Zeit viel nach. Wechseljahre halt. In mehr als einer Hinsicht.   

Mittwoch, 20. November 2013

Jahresendzeitstimmung

Ein Bekannter erzählt, seine Firma richte keine Weihnachtsfeier mehr aus, sondern eine "Jahresendfeier". Die Umbenennung soll angeblich der Integration nicht-christlicher Menschen dienen. 

Diese Art vorgeblicher politischer Korrektheit finde ich, mit Verlaub: Kacke! 

Bei uns in der Firma arbeiten Leute aus fast 30 Nationen, und ich habe noch keinen chinesischen oder algerischen Kollegen sich beschweren hören, dass hier, im Büro in Deutschland, nach wie vor eine Weihnachtsfeier stattfindet. Die Büros in Jeddah, Moskau und Neu-Delhi arbeiten während der westeuropäischen Weihnachtszeit, und deutsche Kollegen vor Ort arbeiten mit. Dafür haben sie am orthodoxen Weihnachtsfest, am Opferfest, an Divali frei.

Ins Ausland entsandte Kollegen haben die vor Ort üblichen Arbeitszeiten und Feiertage. Das ist hier seit Jahrzehnten Usus, einfach, weil es am praktischsten ist und weil es eben auch eine Respektsbezeugung ist, im Ausland die dortigen Feste mitzufeiern und sich am lokalen Brauchtum zu beteiligen.

Wenn ich hier kurz vor Weihnachten selbstgebackene Plätzchen und kleine Schokonikoläuse in die Firma mitbringe, freut sich der irakische Kollege darüber genauso wie der französische. Oder soll ich dem türkischen Kollegen keinen Schokoweihnachtsmann anbieten, bloß weil er den eventuell als christliches Symbol verstehen könnte? Und was ist mit dem deutschen Atheisten, der aber trotzdem gerne Schokolade isst?

Warum beschneiden wir uns selber unserer Buntheit? Integration bedeutet doch wohl nicht, alle Farben solange auszuwaschen, bis nur noch ein labberiges Einheitsgrau übrig ist, ein fades, nichtssagendes, bedeutungsloses Etwas, mit dem sich niemand mehr identifizieren kann.

Außerdem stellt sich mit dem Begriff "Jahresendfeier" die politische Korrektheit geradezu selbst ein Bein: Das Jahr geht zu Ende, ja: in der westlichen Welt. Das Jahr 1435 islamischer Zeitrechnung hat vor zwei Wochen angefangen; das Jahr 5774 der jüdischen Zeitrechnung begann dieses Jahr an unserem 4. September. Das chinesische Neujahr findet am 31. Januar 2014 christlicher Zeitrechnung statt, das kurdische Neujahr fällt auf die Tag-und-Nachtgleiche im Frühjahr. Diese Eurozentrik grenzt an Neo-Kolonialismus und ist umso schlimmer, da sie im Mäntelchen der politischen Korrektheit daherkommt.

Um mich wieder zu beruhigen, werde ich jetzt Jahresendplätzchen backen.

Freitag, 25. Januar 2013

#Aufschrei

My two Cents zur derzeitigen lautstarken und teils wenig differenzierten Debatte auf Twitter:

Ich halte den alltäglichen Sexismus, ohne ihn gutzuheißen, für einen Teil eines grundsätzlichen Problems: Jeder Mensch verhandelt jeden Tag in Interaktion mit anderen Menschen seinen Platz in der Gesellschaft. Jeder Mensch möchte was zu sagen haben. Manche vertreten ihren Anspruch sehr offensiv und anderen dabei absichtlich auf die Zehen.

Frauen haben es da schwerer als Männer, zum einen wegen der meist vorhandenen körperlichen Unterlegenheit, zum anderen häufig aufgrund ihrer Sozialisierung, als Frau hätten sie zurückhaltend und brav zu sein. Das nutzen manche Männer aus: Anmache, anzügliche Witze und körperliche Übergriffe sind weniger Ausdruck eines sexuellen Verlangens als eine Machtdemonstration. Man(n) will wissen, wie weit man gehen kann. Wann kommt Widerstand? Wieviel lässt das Gegenüber sich gefallen?

Da war der Kollege, der zum Test, wie ich denn so drauf wäre, im Abteilungskreis einen anzüglichen Witz erzählte. Ich habe ihn ausreden lassen und dann mit trocken-gelangweiltem Ton und ausdruckslosem Gesicht "haha" gesagt. Er hat nie wieder derartiges versucht - weil ihm klar war, dass er Kontra bekommen würde.

Da war aber auch die Kollegin, die mit Bambiblick und zartem Stimmchen sagte "ach, da kenne ich mich noch nicht so aus, könnten Sie das nicht für mich machen ...?" und nach vier Wochen bei allen, Männlein wie Weiblein, auf Granit biss und dann doch selber ihre Arbeit tun musste.

Und die Moral aus der Geschicht'?

Leute, wehrt euch! Macht euren Standpunkt deutlich, benennt eure Grenzen. Wenn ihr euch allein nicht traut, sucht euch Hilfe. Bittet eine Kollegin, einen Lehrer, eine(n) Vorgesetzte(n), wem immer ihr vertraut, um Hilfe. Tut etwas! Für sich selber einstehen muss man tatsächlich selbst, das nimmt Euch niemand ab. Es ist eine unbequeme Wahrheit, dass zur Belästigung immer zwei gehören: der, der belästigt, aber auch der, der sich belästigen lässt. Tut was dagegen!

Edit: nachdem ich am Wochenende die weiteren Diskussionen verfolgt habe, scheint mir eine Klarstellung nötig. Ich unterstelle keinesfalls einer Frau (oder einem Mann), die/der sich aus welchem Grund auch immer nicht wehrt, nicht wehren kann, eine Mitschuld!
Natürlich wäre es besser, wenn Belästigungen erst gar nicht vorkämen, egal von wem und an wen gerichtet. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg und die derzeitige Debatte hoffentlich ein großer Schritt darauf. In der Zwischenzeit ist es wohl nötig zu lernen, sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen (ohne seinerseits anderer Leute Grenzen zu überschreiten. Ein Minenfeld.).

Dienstag, 1. November 2011

As Time Goes By

Am Wochenende feierte Freundin A. ihren Geburtstag. Bei den Vorbereitungen fiel mir plötzlich auf, dass wir uns schon ziemlich genau 25 Jahre kennen - es war der erste Tag unseres ersten Semesters im Oktober 1986 bei der Einführungsveranstaltung. Ebenfalls an diesem Tag lernte ich, lernten wir S. kennen - die Dritte im Bunde. Jahrelang waren wir im Geographischen Institut als Triumvirat bekannt und tauchten selten einzeln auf. Nach wenigen Tagen hatte sich damals eine Clique geformt, zu der auch J. gehörte, inzwischen seit über 15 Jahren mit Freundin S. verheiratet. Die beiden waren natürlich am Samstag auch da.

Im Lauf des Abends kam irgendwann die Gelegenheit, auf das Jubiläum anzustoßen. Wir lachten, sprachen von "weißt du noch?" und waren einen kleinen, glücklichen, funkelnden Moment lang wieder 19 Jahre alt. Jung, sorglos, voller Pläne. Es ist viel Leben passiert seither - gute und schlechte Zeiten. Und wie schnell sind diese 25 Jahre vergangen.  

Mittwoch, 14. September 2011

Antiborreliotika

Vorgestern wurde bei mir eine - frische - Borreliose diagnostiziert. Seither wundere ich mich über die ein oder andere Reaktion, die diese Mitteilung auslöst. Eine Kollegin trat unwillkürlich zwei Schritte zurück, als ob das ansteckend sei, ein anderer Mensch reagierte derart, dass ich schon fast gefragt hätte, ob ich mich schon mal um meine eigene Beerdigung kümmern sollte; viele wunderten sich, dass ich im Büro saß und mich nicht habe krank schreiben lassen. Wozu denn eigentlich? Ich nehme die nächsten 3 Wochen jeden Morgen ein Antibiotikum; ansonsten fühle ich mich fast normal - nur abends bin ich relativ zeitig müde, aber dann geht man halt mal früher als sonst ins Bett.
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Ich weiß Eure Besorgnis wirklich zu schätzen und freue mich über Euer Mitgefühl. Aber es scheint mir, die Tatsache, dass Borreliose vor ein paar Jahren so eine Art Modekrankheit wurde, hat leider eher zur allgemeinen Verwirrung als zur allgemeinen Aufklärung darüber beigetragen. Was im Gedächtnis geblieben ist, sind die Horrorgeschichten.
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Natürlich ist Borreliose eine ernstzunehmende Krankheit, die in der chronischen Variante schwerwiegende Beeinträchtigungen und Beschwerden verursacht (und jeder, der damit klarkommen muss, hat mein aufrichtiges Mitgefühl). Aber rechtzeitig erkannt ist sie einfach zu behandeln und heilbar. Und ich hatte das Glück, dass die Sache frühzeitig festgestellt wurde. Es braucht also niemand zu befürchten, dass dieses Blog kurzfristig zu existieren aufhört, immer vorausgesetzt natürlich, dass mich nicht ein anderer vorzeitiger Tod ereilt (der Rheinische Fatalismus weiß: im Zweifelsfall stirbt man gesund, aber sterben tut man!).

Mittwoch, 19. Mai 2010

Binnen Jahresfrist




















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Hätten Sie gedacht, dass das zwei Fotos vom gleichen Haus sind? Oben: Juni 2009 - Unten: Mai 2010. Ein Jahr, ein Haufen Geld, viel Arbeit, Stress, Lachen, Streit, Entscheidungen liegen zwischen beiden Bildern. Missen möchte ich die Zeit nicht, aber nochmal müsste ich das alles nicht haben.

Montag, 17. Mai 2010

Bücherstöckchen für einen ganzen Monat

So ein Neunundzwanzig-Tage-Bücherstöckchen artet ja beinahe in Arbeit aus - aber es ist einfach zu verführerisch. Dann mal los. Gefunden habe ich es übrigens hier.
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Tag 1 - Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 2 - Das Buch, das du als nächstes liest / lesen willst
Tag 3 - Dein Lieblingsbuch
Tag 4 - Dein Hassbuch
Tag 5 - Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
Tag 6 - Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)
Tag 7 - Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
Tag 8 - Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
Tag 9 - Das erste Buch, das du je gelesen hast
Tag 10 - Ein Buch von deinem/r Lieblingsautor/in
Tag 11 - Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Tag 12 - Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten empfohlen bekommen hast
Tag 13 - Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Tag 14 - Ein Buch aus deiner Kindheit
Tag 15 - Das 4. Buch in deinem Regal von links
Tag 16 - Das 9. Buch in deinen Regal von rechts
Tag 17 - Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Tag 18 - Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Tag 19 - Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
Tag 20 - Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 21 - Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 22 - Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
Tag 23 - Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Tag 24 - Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es gelesen hast
Tag 25 - Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Tag 26 - Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
Tag 27 - Ein Buch, dessen Hauptperson dein "Ideal" ist
Tag 28 - Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
Tag 29 - Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt???
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Nun also: Tag 1.
Ich lese gerade ein leicht abstruses, manchmal schwarzhumoriges englisches Sachbuch: "A Disastrous History of Britain. Chronicles of War, Riot, Plague and Flood", von John Withington. Die großen Katastrophen - menschengemachte und solche mit natürlichen Ursachen - der letzten 2000 Jahre in Großbritannien und ihre mögliche oder tatsächliche Auswirkung auf die Entwicklung des Landes. Affinität zu trockenem englischen Humor schadet sicher nicht bei der Lektüre.
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Morgen geht es weiter. Jetzt hätte ich gerne, dass der ein oder andere das Stöckchen aufhebt. Besonders Frau Ottosschnipsel und Frau Lakritze, bitte, die Damen!

Mittwoch, 10. März 2010

Ratlos

Da gibt es in der Stammtischclique eine Trennung. Knall auf Fall, so erscheint es uns anderen jedenfalls. Letzten Donnerstag haben wir die beiden noch als Paar getroffen – es wurden sogar Pläne für gemeinsame Unternehmungen geschmiedet - zwei Tage später verbreitet sich die Nachricht, dass die Frau aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist.
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Wie soll man jetzt mit der Situation umgehen? Beide sind seit ewigen Zeiten beim Stammtisch dabei. Beide sind mit allen anderen Stammtischmitgliedern befreundet, teilweise seit Jahrzehnten. Ich mag beide sehr gerne und möchte sie auch weiterhin regelmäßig treffen.
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Abgesehen davon, dass ich gar nicht sagen könnte, wen von beiden ich lieber mag – ich würde mich auch gar nicht für bzw. gegen einen von ihnen entscheiden wollen. Ich hoffe, es kommt nicht dazu, dass wir anderen gezwungen werden, Partei zu ergreifen.
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Wie verhält man sich, sobald einer oder alle beide bei einem der nächsten Treffen auftauchen? Fragen zu stellen verbietet sich weitgehend; bemitleidet werden wollen sie mit Sicherheit nicht. So zu tun, als wäre nichts gewesen, geht aber natürlich auch nicht.
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Was tun (oder sagen)? Kann man überhaupt etwas tun (oder sagen)? Wir werden wohl abwarten müssen, ob sich ein Modus vivendi einstellt, der sowohl für die unmittelbar wie auch die mittelbar Betroffenen akzeptabel ist.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Abschied

Eben rief meine Mutter an. Tante Ulla ist gestorben. Sie war 85 und es ging ihr seit Monaten nicht gut, trotzdem trifft es. Heftig. Dabei war sie gar keine echte Tante, sondern eine "Nenntante", eine Freundin meiner Eltern. Für mich ist sie immer "Tante Ulla" geblieben.
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In den 1960er Jahren, als meine Eltern gerade ihr Haus gebaut hatten und jeden Pfennig gut gebrauchen konnten, haben sie zwei Zimmer an Wochenendgäste vermietet. Die ersten (und auch letzten, weil jedes Wochenende anwesenden) Mieter waren Tante Ulla und ihre Familie. Sie kannte mich seit meiner Geburt; es gibt Bilder aus der Zeit, damals war sie Mitte vierzig, hatte selber keine Kinder und ihren Spaß daran, mich gelegentlich im Kinderwagen herumzuschieben.
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Als Kleinkind bin ich sonntagsmorgens früh zu ihr ins Zimmer getapst und habe sie geweckt, sie sollte mir vorlesen. Sie hätte sicher gerne ausgeschlafen, aber sie hat nie "nein" gesagt, sondern mich in den Arm genommen und meinen Wunsch erfüllt.
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Später, als sie geheiratet hatte, kaufte sie mit ihrem Mann zusammen ein altes Haus im Dorf meiner Eltern, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Sie waren an den Wochenenden und in den Ferien da, auch ihre Nichte kam häufig und wir wurden Freundinnen.
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An den Sommerwochenenden haben wir in ihrem Garten Zelte aufgestellt und dort übernachtet. Wir haben aus der großen Stadt mitgebrachtes Leinsamenbrot gegessen - das gab es damals im Dorf nicht - mit selbstgepflückten Johannisbeeren drauf. Johannisbeeren dicht an dicht auf die Brotscheibe legen und mit der flachen Seite einer Messerklinge plattmatschen. Der Saft zieht ins Brot ein und es schmeckt wunderbar fruchtig und ab und zu knirscht es von Leinsamen- oder Johannisbeerkernen.
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Sie war Englischlehrerin mit Leidenschaft. Überhaupt sehr gebildet und gut im Vermitteln von Wissen. Sie hat mit Sicherheit einen Anteil daran, dass ich mich für Geschichte und Englisch und englische Geschichte zu interessieren begann. In ihrem Haus gab es jede Menge Bücher zu einer Vielzahl von Themen, und ich durfte immer welche ausleihen. Meine Eltern hatten einen Schlüssel zum Haus, und mein Bruder und ich durften Bücher holen oder zum Lesen hingehen, wann immer wir wollten.
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Sie sprach Hochdeutsch fast ohne Dialektanklang, obwohl sie mitten aus dem Ruhrpott stammte. Sie versuchte immer, den im Dorf gesprochenen Dialekt zu lernen und ließ sich von uns Wörter vorsprechen. Ihre Versuche des korrekten Nachsprechens lösten bei uns regelmäßig wahre Lachkaskaden aus.
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Sie hatte viel Humor und lachte gern. Aber erzählte Witze hat sie nie verstanden. Die Pointe musste man ihr immer erklären. Und meist nicht nur einmal! Aber dann hat sie umso länger gelacht, über den Witz und über sich selbst.
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Sie rief im Dorf eine private Jugendgruppe ins Leben, als so etwas in der Region noch völlig neu und unüblich war. Jugendarbeit? Neumodisches Zeug! Sie war zäh und konnte enervierend dickköpfig sein, aber sie hat einiges auf die Beine gestellt.
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Sie hat sich die dörflichen Sitten erklären lassen, begeistert selbst mitgemacht und vieles mit der Super-8-Filmkamera festgehalten. Zum Beispiel die geschmückten Straßen für die Fronleichnamsprozession. Heute wird diese in der damaligen Form nicht mehr abgehalten, und so sind die Filme inzwischen ein Dokument der Zeitgeschichte. Das hat sie damals schon vorausgesehen und fand es wichtig, Traditionen zu dokumentieren.
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Als ich in der Oberstufe war, fühlte sie sich als eine Art Tutor und war immer bereit zu helfen. Das recht gute Englisch-Abitur geht auf ihre Kappe. Was ihr besonders am Herzen lag, war selbständiges Denken - unvergessen ihr Ausspruch "ihr habt doch den Kopf nicht nur, damit es nicht in den Hals regnet!"
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Sie war wie eine Extra-Patin und verhielt sich entsprechend: zum 18. Geburtstag bekam ich eine Brosche von ihr und zum Abitur einen Brillantring, der ihrer Mutter gehört hatte. Zu meiner Hochzeit schenkte sie mir eine Antiquität, einen alten Schrank, den ich schon als kleines Mädchen bei ihr bewundert hatte.
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In den letzten Jahren war sie gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe und seltener im Dorf. Zuletzt getroffen habe ich sie vor einem halben Jahr. Trotzdem spüre ich jetzt eine ziemlich große Lücke. Ich kannte sie mein ganzes Leben. Eine der Verbindungsleinen zur eigenen Kindheit ist gekappt, und das tut weh. Liebe Tante Ulla: Ich werde deine Brosche und deinen Ring tragen und jeden Tag deinen Schrank auf- und zumachen und ab und zu dabei innehalten, an dich denken und mich erinnern.

Dienstag, 16. Februar 2010

Schon fast vorbei ...

... da wären wir also wieder. Seufz. Noch 11 Stunden und 59 Minuten, dann ist schon wieder Aschermittwoch und somit alles vorbei. Und dann dauert es noch 8 Monate, 3 Wochen und 4 Tage, bis es wieder losgeht - bis zum 11.11. nämlich.
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Bonn war schön. Ist immer wieder schön, mit und ohne Karneval. Aber mit der Freundin an Weiberdonnerstag durch die Kneipen ziehen und die Karnevalslieder singen, die man als Rheinländerin quasi schon mit der Muttermilch (und dem ersten Kölsch) aufgesaugt hat und auf Knopfdruck auswendig kann, das ist etwas Besonderes und mir so wichtig, dass ich dafür jedes Jahr zwei Urlaubstage opfere.
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Und außerdem hilft Karneval beim Warten auf den Frühling - ein paar Tage, die flott, zu flott, vorbeigehen und wo keine Zeit bleibt, in Winterdepression zu verfallen. Nach Karneval ist es dann plötzlich schon wieder länger hell, morgens hört man die Vögel, und die ersten grünen Spitzen der Narzissen und Krokusse gucken aus dem Blumenbeet. Also auch: Aschermittwoch Alaaf! Der Ruf ist zwar nicht gut rheinisch-katholisch, aber das ist mir jetzt egal. Ich könnte ja zur Beichte gehen - wie Jürgen Becker singt:
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"Ich bin so froh, daß ich nicht evangelisch bin,
die haben doch nichts anderes als arbeiten im Sinn.
Als Katholik, da kannste pfuschen, dat eine is gewiß:
am Samstag gehste Beichten und fort ist der ganze Driss!"

Dienstag, 19. Januar 2010

Allererste Ahnung eines Hauchs von Frühling

Es geht aufwärts, wenn ...

... man auf dem Heimweg von Frankfurt gen Westen zum ersten Mal seit Wochen die Sonnenblende herunterklappen und sich also nicht mehr morgens und abends nur im Dunkeln bewegen muss.

... man im Eingangsbereich des Supermarkts durch ein Meer von Tulpen und Primeln waten darf und sich nicht für eine Farbe entscheiden kann.

... der gemütliche Sofatiger sich erinnert, dass die große weite Welt da draußen wartet, das garstige nasse kalte weiße Zeug endlich verschwunden ist, und er tagsüber wieder raus will.


Donnerstag, 10. Dezember 2009

Verhandelt & Durchgesetzt

Im Büro erhielt ich gestern Werbung eines Seminaranbieters. Thema der einen Veranstaltung: "Durchsetzungs-Strategien für Frauen", der anderen: "Verhandlungstraining für Frauen".
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Vor ca. 3 Monaten hat die Firma aus Spargründen eine Ausgabensteuerung eingeführt. Konsequenz daraus ist unter anderem, dass externe Seminare, die nicht unmittelbar projektbezogen sind, nicht nur vom unmittelbaren Chef, sondern auch vom Chef-Chef genehmigt werden müssen (unter Zuhilfenahme eines sechsseitigen Formulars, das meiner Meinung nach eigens erfunden wurde, um den Prozess zu erschweren!).
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Mit anderen Worten: bis ich eine eventuell gewünschte Seminarteilnahme bei Chef und Chef-Chef verhandelt und durchgesetzt hätte, würde ich die Seminare sicher nicht mehr benötigen. Sorry, Seminaranbieter, Pech für Dich.

Montag, 16. November 2009

Mein erstes Stöckchen

1. Sechs Namen, auf die du hörst?
Andrea
Schatz
Miauuuuu (die verhungernde Katze spricht!)
Frau Dinktoc
Spaghetti (der Spitzname aus lang vergang'ner, seliger Jugendzeit ...)
Schwesterchen (vom kleinen Bruder)

2. Drei Dinge, die du gerade trägst?
schwarze Socken
Streifenbluse
Halskette

3. Drei Dinge, die du dir wünschst?
Meine private Bibliothek mit allem Drum und Dran
Einen grünen Daumen
Mehr Zufriedenheit, weniger Neid (von allen, für alle)

4. Drei Dinge, die du gestern, heute nacht und heute getan hast?
gestern: Orangen-Grapefruit-Zitrone ausgepresst und frischesten Saft getrunken
heute nacht: geschlafen!
heute: Arbeitsübergabe an die nach 6 Wochen Krankheit zurückgekehrte Kollegin gemacht; Chaos auf dem eigenen Schreibtisch gesichtet

5. Zwei Dinge, die du heute gegessen hast?
Toast mit Schinken
ein Stück "bin wieder da"-Kuchen der lange krank gewesenen Kollegin

6. Zwei Dinge, die du morgen tun wirst?
meinen VHS-Kurs besuchen
ins Kino gehen

7. Drei Lieblingsgetränke?
Kaffee
Sprudelwasser
Bier

Gefunden bei der sehr geschätzten Lakritzefrau.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Genudelt

Da wirft mich ein großer Nudelhersteller mit Werbung zu und macht mich in schrillen Tönen darauf aufmerksam, dass am Sonntag, den 25. Oktober, in Berlin der Weltnudeltag (!) stattfindet und ich dieses Event doch unter keinen Umständen verpassen sollte.

Abgesehen davon, dass ich gute 400 km von Berlin entfernt wohne und nur höchst selten Teigwaren dieses Herstellers erwerbe, weil dessen Nudeln wegen der Werbeausgaben mehr kosten als die fragliche Nudelsorte in Bio-Qualität, finde ich es sehr schade, dass die an sich großartige Idee der UNO, mit einem "Welttag" für oder gegen dieses oder jenes auf Probleme, Entwicklungen, internationale Themen aufmerksam zu machen, so pervertiert wird.

Manchmal fragt man sich, ob diese Werbefritzen und Marketinghanseln noch alle Spaghetti in der Packung haben - aber immerhin hat die Nudelfirma nicht den 10. Oktober für ihren Zinnober gewählt. Das ist nämlich der Welttag der geistigen Gesundheit.

Freitag, 9. Oktober 2009

Auslaufmodell

Habe nur ich es als unglückliche Formulierung empfunden, als der Nachrichtensprecher heute morgen sagte: "... die Regelung zur Mitnahme von Flüssigkeiten im Flugzeug sollte per Jahresende auslaufen"???

Mittwoch, 9. September 2009

Grüne Piratin

Der Wahl-O-Mat ist eine feine Sache. Binnen weniger Minuten kann man feststellen, welches Parteiprogramm mit der eigenen Meinung am ehesten übereinstimmt.

Manchmal kommt dabei Überraschendes zutage (nicht wahr, Herr Dinktoc?). Bei mir allerdings nicht - ich bin eine grüne Piratin, und das entspricht so ziemlich dem, was ich seit der ersten-Bundestagswahl-an-der-ich-teilnehmen-durfte (damals war Birne Kohl Kanzler und gefühlte 72 Jahre lang nicht wegzuwählen) auf dem Stimmzettel angekreuzt habe.




Montag, 31. August 2009

Wochenend-Wörter-Definitionen

Globalisierung ist, wenn man bei den Mainland-Games (= schottische Highland-Games aka Baumstammweitwurf und Schau-Schafetreiben) in Rüsselsheim an einem Stand mit schottischen Lebensmitteln von einem waschechten Hessen ein Glas mit in England hergestelltem Brotaufstrich aus getrockneten Tomaten und Basilikum kauft.

Ekelhaft ist es, Holger Apfel von der NPD zuzuhören (der in Parteitagsreden und rechten Postillen offen die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie fordert) , wenn er in der Elefantenrunde nach der sächsischen Landtagswahl rotzfrech grinsend davon spricht, der Wiedereinzug der NPD in den Landtag trotz "massiver Kampagnen der Kirchen und Medien" sei ein "Sieg der Demokratie".