Dienstag, 22. November 2011

Ungeschützter Verkehr

Herr Dinktoc, seit einer Woche als Fahrer und Beifahrer im Lande Arabistan unterwegs, schrieb folgende Betrachtung zum Verhalten im dortigen Straßenverkehr. 
  • Offizielle Verkehrsregeln sind höchstens Empfehlungen.
  • Gefahren wird da, wo der Untergrund wie eine Straße aussieht und vermeintlich breit genug ist.
  • Man muss ständig die Sinne offen halten. Was hinter einem passiert, darf nicht interessieren, sondern nur was vorne los ist. Nach dem Motto - Und ist die Lücke noch so klein, mein kleiner Landcruiser (Bus Format) passt da immer noch rein - der Hintermann bremst ja. Funktioniert meistens.
  • Allerdings sollte man berücksichtigen, dass Einheimische im Landcruiser meist mit hohem, eher sehr hohem Tempo jenseits des Limits angeflogen kommen.
  • Plötzliche Spurwechsel in die nächste Lücke sind üblich und durchaus machbar, jedoch nur unter Berücksichtigung der vorherigen Aussage.
  • Will ein Einheimischer auf einer achtspurigen Straße links abbiegen, ordnet er sich üblicherweise ganz rechts ein, um alle anderen zu schneiden. Passiert hier an jeder Kreuzung.
  • Die ganz rechte Spur sollte man besser meiden, da an roten Ampeln die Einheimischen trotzdem weiter fahren, um rechts abzubiegen. Und getreu dem Gesetz des Stärkeren kommt es häufig vor, dass der vor der roten Ampel wartende Geradeausfahrer einfach auf die Kreuzung geschoben wird oder der Stärkere über den Randstreifen bzw. Fussweg fährt.
  • Apropos Fusswege - die sind nur zur optischen Aufwertung der Straße da und führen nirgends hin. Die Stadt hier ist nicht für Fussgänger gebaut.
  • Die Straßen sind gut ausgebaut und auch gut zu fahren. Leider ist das Tempolimit auf der Autobahn auf 120 km/h begrenzt und Verstöße können unangenehm werden. Ausländer, vor allem Nichteuropäer, gehen normalerweise erst mal in den Knast, bis sich ein Richter entscheidet was zu entscheiden. Kann dauern. Europäer werden halt zur Kasse gebeten.
  • Bei Unfall hat der Ausländer grundsätzlich Schuld. Wäre er nicht im Land unterwegs, wäre der Unfall nicht passiert.
Alles in allem also doch schon deutlich andere Rahmenbedingungen als in Europa. Aber man gewöhnt sich dran und muss nicht alles mitmachen. Ein großer Vorteil hier in Arabistan ist, das man eigentlich nicht damit rechnen muss, dass ein Betrunkener durch die Gegend gondelt, außer freitags wenn die Einheimischen vom Wochenendausflug ins liberalere Nachbarland zurückkommen.

Sowas lernt man in keinem Seminar über "Interkulturelles Management"!

Kommentare:

  1. Für Afrika gelten dieselben Regeln. Nicht.

    Zusätzlich kommt noch folgendes hinzu:
    - Auf mehrspurigen Straßen wird grundsätzlich links gefahren (wie auf deutschen Autobahnen), allerdings ist die linke Spur auch die langsamste, da auf ihr die Laster schleichen. Man überholt daher rechts.
    - Licht am Fahrzeug bei Nacht ist eine Kann-Bestimmung. Es kann sein, dass es funktioniert. Meist allerdings nur vorne.
    - Bremslichter werden überbewertet. Kann auch sein, dass die früher mal in diesen Zahnlücken an der Fahrzeugrückseite befestigt waren. Muss aber nicht.
    - Fernlicht macht hell. Vor einem. Dauernd. Auch bei Gegenverkehr. Oder wenn vor einem jemand fährt, der über keinerlei Rücklicht verfügt (siehe vorangegangener Punkt).
    - Die Warnblinkanlage wird lediglich eingeschaltet, wenn man sich bei starkem Regen bewegt. Nicht jedoch, wenn man eine Panne oder einen Unfall hatte.
    - Hat man eine Panne, reißt man Äste ab und markiert damit maximal 10 Meter hinter dem Auto, dass da ein Hindernis steht. Idealerweise in einer Kurve.
    - Verliert ein geplatzter Motor Öl, so repariert man den Motor gemütlich am Straßenrand (wenn man es noch bis dahin geschafft hat. Alternativ bleibt man einfach mitten auf der Spur stehen. Büsche sind ja ganz in der Nähe.), während die anderen Verkehrsteilnehmer auf der Straße durch den Ölfilm an einem vorbeischlingern. Spätestens nach einem halben Tag ist der Film abgefahren.
    - Blinker werden nicht benutzt, man könnte ja dem Nachfolgenden damit anzeigen, was man vorhat. Und der Nachfolgende könnte ja bei Kenntnis dessen einen bösen Zauber aussprechen. (Daher auch: einordnen zum Abbiegen = ganz schlechtes Karma)

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  2. Ich behaupte ja immer, dass Herr Dinktoc sich durch seine häufigen Besuche in der Region mittlerweile auch zu Hause einen nahöstlichen Fahrstil zugelegt hat.
    Wenn ich Ihre Aufstellung so lese, werde ich mir viel Mühe geben, den Mann von afrikanischen Projekten fernzuhalten. Das wär dann doch zu viel für meine Nerven.

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  3. Herr Dinktoc ist bislang hier noch unfallfrei unterwegs. Und hat seine Termine dennoch eingehalten.

    Man darf das hier alles nicht so eng sehen. Verkehrsregeln und -zeichen haben doch höchstens empfehlenden Charakter.

    Und in der Hauptstadt ist es noch ganz anders, da hat nämlicher immer der Recht der mit dem Königshaus verwandt ist. Und das sind dort vermeintlich auch alle ....

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  4. Bei Autofahrten in Nordafrika gilt:
    - begegnen sich zwei Fahrzeuge an einer Kreuzung, hat grundsätzlich das größere Vorrang.
    - sind beide Fahrzeuge gleich groß, haben grundsätzlich beide gleichzeitig Vorrang.

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